Warum drehen die Deutschen Western?

Standard

Lex Barker war 1960 der Meinung, dass ein deutscher Western niemals funktionieren könnte. Zwei Jahre später spielte er den Old Shatterhand in „Der Schatz im Silbersee“ – einem der größten deutschen Filmerfolge, der auch international Anerkennung und Publikum fand. Im Vorfeld waren die Kritiker über „In einem wilden Land“ jedoch geteilter Meinung. Aber warum eigentlich?

Zunächst einmal gebührt Sat1 großes Lob für den Mut, dieses Projekt anzugehen. Normalerweise hören Drehbuchautoren, wenn sie eine Geschichte vorschlagen, die nur halb so aufwendig ist, immer den Satz: „Viel zu teuer.“ Tja, nach „billig“ sehen dann halt auch alle neueren Produktionen aus… Nicht so „In einem wilden Land“. Man drehte zwar nicht in Nordamerika, sondern in Südafrika, aber für einen TV-Film lässt es sich gut ansehen.

Wenn „Der Westen“ titelt: „Spaghetti-Western waren gestern. Jetzt kommt ein Kartoffel-Western“ dann irrt auch er gewaltig. Es gibt den Krautwestern schon länger als den Spaghetti-Western, der im Übrigen aus ihm entstanden ist. Durch die 6 Millionen Deutsche, die bis zum Ersten Weltkrieg in die USA ausgewandert sind und nicht selten in Siedlertrecks über die Prärien zogen, ist der Westen bereits seit 150 Jahren Teil der deutschen Populärkultur. Nicht durch diesen Film entstand ein neues Genre. Vielmehr ist „Im einem wilden Land“ die neueste Ausprägung eines Motivs, dass nicht nur Karl May bereits stark beackert hat.

Leider war die Handlung etwas zu schnulzig, als dass der Film zu einem Klassiker werden wird. Leider war Benno Führmann nicht in Bestform. Leider kam kein richtiges Westerngefühl auf. Leider, leider… Aber dennoch ziehe ich meinen Hut vor dem Mut, diese Produktion anzugehen. Sowas ist mir allemal lieber als das RTL-Filmevent „Helden – wenn Dein Land Dich braucht“.

Zwei Punkte noch, liebes Sat1: Auf eurer Website schreibt ihr, dass „Gojko Mitic … in den 60er Jahren in diversen Karl-May-Verfilmungen zum Chefindianer der DEFA avancierte“. Das ist falsch, denn das sind zwei unterschiedliche Filmreihen. Vielleicht sollte da der Homepagepraktikant besser recherchieren… Mitic spielte in der Karl-May-Verfilmung „Unter Geiern“ einen Gegenspieler Winnetous, UND er war der Chefindianer der DEFA. Aber egal.

Was ich noch zu kritisieren hätte, wäre der Titel. Der wilde Westen war nur dort wild, wo Desperados und Outlaws sich nicht an die Gesetze hielten. Die einzelnen Kulturen der verschiedenen Native Americans waren teilweise sogar sehr zivilisiert. Wild waren da eher Armee und Siedler. Aber vielleicht meinte das ja auch der Redakteur, der den Film taufte.

Ach ja, kleiner Lesetipp: 20 populäre Irrtümer über den Wilden Westen.